Wohin geht mein Geld?
Projekt
Ich wusste nie,
wohin mein Geld wirklich geht
Kennt ihr das Gefühl, am Ersten des Monats aufs Konto zu schauen und direkt wieder wegzusehen? Ich kenne es sehr gut. Irgendwann hatte ich genug davon, jeden Monat mit einem Minus aufzuhören, ohne wirklich zu wissen, woran es gelegen hatte. Also habe ich ein Experiment gestartet: 60 Tage lang jede einzelne Ausgabe erfassen. Datum, Betrag, Kategorie, und vor allem: Warum habe ich das gekauft?
Was ich dabei herausgefunden habe, hat mich selbst überrascht.


Das System: Vier Gründe, warum wir kaufen
Bevor wir in die Zahlen eintauchen, eine kurze Einführung in das System, das ich mir überlegt habe. Jede Ausgabe lässt sich einem von vier sogenannten “Spektren” zuordnen, also dem Grund, warum sie entstanden ist. Denn nicht alle Ausgaben sind gleich. Manche sind absehbar, manche spontan, manche entstehen aus einem ganz anderen Impuls.
Diese vier Kategorien sind kein Urteil. Es geht nicht darum, ob eine Ausgabe "gut" oder "schlecht" ist. Es geht darum, sie sich bewusst zu machen und das macht schon einen riesigen Unterschied (Cialdini, 2007).
Geplant
Ausgaben, die bewusst kalkuliert sind und im Voraus feststehen. Dazu zählen Fixkosten wie Miete, Abos oder Versicherungen.
Notwendig
Ausgaben, die im Moment anfallen und kurzfristig notwendig werden — zum Beispiel Lebensmittel oder Tanken. Langfristig nicht zwingend eingeplant, aber unvermeidlich.
Impulsiv
Spontane Ausgaben ohne längeres Nachdenken. Sie entstehen aus einem Moment heraus — ein Angebot, eine Lust, ein kurzer Gedanke.
Sozial beeinflusst
Ausgaben, die durch das Umfeld entstehen: Freunde, Trends, Social Media, Werbung. Man kauft nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil etwas von außen einen dazu gebracht hat.
Vier Oberkategorien
Die Ausgaben selbst habe ich zusätzlich in Oberkategorien gegliedert, damit klar wird, in welchen Lebensbereichen das Geld landet:
Zahlen
Nach 60 Tagen wird
ein Gefühl zum Datensatz
Zum ersten Mal konnte ich meine Ausgaben vollständig sehen, nicht aus dem Bauchgefühl, sondern schwarz auf weiß. Manche Vermutungen haben sich bestätigt.
Andere lagen komplett daneben.
Die erste Überraschung
Fast die Hälfte meiner Ausgaben war geplant. Das klang zunächst beruhigend. Gleichzeitig entstanden jedoch 912 € durch impulsive Käufe und weitere 354 € durch sozial beeinflusste Entscheidungen. Zusammen sind das 1266 €, die ich ursprünglich weder geplant noch bewusst eingeplant hatte.
Nicht ein einzelner Kauf brachte mich ins Minus, sondern viele kleine Entscheidungen.
30
29
15
7
Geplant
Notwendig
Impulsiv
Sozial beeinflusst
Der Lebensmittel-Paradox
Einer der interessantesten Befunde aus meinem Tracking betrifft Lebensmittel. Ich habe insgesamt 580 € für Lebensmittel ausgegeben und die Aufteilung ist bemerkenswert:
Das bedeutet: Ich habe mehr Geld spontan für Lebensmittel ausgegeben als geplant. Ich bin in den Laden gegangen und bin rausgekommen mit mehr, als ich wollte. Das deckt sich übrigens exakt mit dem, was die Forschung über den Point of Sale weiß: Mittlerweile wird fast die Hälfte aller Kaufentscheidungen ungeplant gefällt, und über 70 % der Kaufentscheidungen entstehen direkt am Point of Sale.
Der Supermarkt ist kein neutraler Ort. Er ist ein designtes Kauferlebnis.
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Soziale Beeinflussung:
Der unsichtbare Kostentreiber
354 € in 60 Tagen das klingt nicht dramatisch. Aber diese Ausgaben sind in einem bestimmten Sinne die ehrlichsten von allen, weil sie zeigen, wie stark das Umfeld unser Kaufverhalten steuert, ohne dass wir es bewusst merken.
Die Psychologie dahinter nennt sich "soziale Validierung": Je mehr Menschen etwas kaufen oder empfehlen, desto verlockender wird es, selbst wenn man das Produkt vorher nie vermisst hat (Cialdini, 2007).
Das Interessante: Ich hatte am Ende des Trackings Ausgaben in diesem Spektrum, bei denen ich selbst nicht mehr genau rekonstruieren konnte, warum ich das damals gekauft hatte.
Sozial beeinflusste Käufe entstehen durch:
Freunde und soziales Umfeld:
"Alle haben das, also will ich es auch"
Social Media und Trends:
ein Produkt, das man dreimal in der Story gesehen hat, will man plötzlich haben
Werbung und Influencer:
Empfehlungen, die sich wie Meinungen anfühlen, aber keine sind
Unsichtbares Zahlen — warum die Karte so gefährlich ist
Am meisten Geld verliere ich nicht in einem einzigen Kaufmoment, sondern in einem System, das Ausgaben unsichtbar macht. Ich zahle fast alles mit Karte, vor allem mit der Kreditkarte. Das Problem: Ich merke oft nicht, wann mein Konto eigentlich kippt. Bei bargeldlosen Zahlungen wird der Moment des Verlusts abgeschwächt. Bezahlen fühlt sich schneller, sauberer und harmloser an, obwohl das Geld trotzdem weg ist.
Das Ergebnis für mich:
Am Monatsende war das Konto im Minus — und ein Teil des neuen Gehalts war schon für alte Ausgaben weg.
Kartenzahlung macht Ausgaben bequemer.
Kreditkartenzahlung verschiebt den Schmerz sogar noch weiter nach hinten.
Bargeld macht Ausgaben spürbar.
Rückblick
Was 60 Tage Tracking wirklich bedeuten
Zahlen allein verändern nichts. Erst die Interpretation zeigt, warum ich am Monatsende trotzdem im Minus gelandet bin.
Das Überraschendste: Sparen
Die überraschendste Zahl meines Trackings war nicht, was ich ausgegeben habe – sondern was ich gespart habe. In 60 Tagen habe ich 771 € zurückgeolegt. Trotzdem war mein Konto am Monatsende im Minus.
Das zeigt: Sparen allein reicht nicht. Wer seine Ausgaben nicht versteht, kann gleichzeitig Geld zurücklegen und trotzdem finanziell unter Druck geraten.
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Was die Zahlen über mich verraten
Am Ende waren es nicht die großen Ausgaben, die mein Budget belastet haben. Es waren viele kleine Entscheidungen, die für sich harmlos wirkten, zusammen aber einen großen Unterschied gemacht haben.
Die 60 Tage haben mir gezeigt, dass Geld oft unbemerkt verschwindet. Erst als ich jede Ausgabe sichtbar gemacht habe, konnte ich verstehen, warum mein Konto am Monatsende trotzdem im Minus war.
Sparen allein reicht nicht, wenn man nicht versteht, wohin der Rest verschwindet.
Rebecca Sophia Klassen
UX / Storytelling
Kommunikationsdesign
6. Semester 2026
Hochschule Hof